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Brief an Bernd Zimmer zur Eröffnung von STOA169

Brief an Bernd Zimmer zur Eröffnung von STOA169

Tilman Spengler

Ich will Dir, lieber Bernd, meine Eindrücke in der Form eines Briefes mitteilen, auch eine sehr archaische und universale Form des Gedankenaustausches, die es – wie Säulen – zu bewahren gilt, und die zudem den Vorteil hat, sich strikt auf eine Länge (oder Kürze) des Anlasses einlassen zu können.

Das für mich zutiefst Erstaunliche, das zum Teil fast Skandalöse an Deinem Projekt STOA169, ist ja nicht so sehr der Grundgedanke einer Säulenhalle als ein Ort der weltweiten kulturellen Begegnung. Viel verwunderlicher (und hier liegt das Skandalon) ist vielmehr die Tatsache, dass dieser blitzgescheite Gedanke seit mehr als einem Jahrtausend nicht mehr verwirklicht wurde. (Jedenfalls „bei uns“, um es einmal salopp zu sagen.)

Bis eben Du, lieber Bernd, hier in Polling auf ein paar von kargem Wald umstandenen Kleewiesen den Bühnenboden für die Inszenierung einer neuen Stoa poikilos ausheben ließt. Und damit … aber darauf komme ich noch später.

Beim Vorbild der Säulenhalle, bei der griechischen Stoa, kommt es auf einen ganz wichtigen Zusammenhang an, den Du hier so virtuos vorführst: Das Gebäude hieß ja im Griechischen ‚Stoa poikilos‘. Dieses oft unterschlagene „poikilos“ wird meist mit „bunt“ übersetzt. Das ist in diesem Zusammenhang unerfreulich verniedlichend. Denn gemeint war ja nicht „bunt“ im Sinne mehrfarbigen Flitters, richtig übersetzt müsste es nämlich: „vielfältig“ oder auch „vielschimmernd“ heißen. Es geht eben um mehr als nur die Farbe der Oberfläche.

Und genau diesen Auftrag der Vielfalt, des Vielschimmernden, des Deutlichen und des Angedeuteten haben die von Dir eingeladenen Künstlerinnen und Künstler ja auch erfüllt: Jede und jeder von ihnen hat „nach seiner oder ihrer Façon“ eine Säule in seiner, in ihrer ganz eigenen Sprache entworfen. Eine Art säulenarchitektonisches Pfingstwunder. Entstanden ist, lieber Bernd, nichts weniger als ein begehbarer Weltatlas. Jedes Kunstwerk erzählt eine eigene, erzählt oft auch viele Geschichten. Geschichten von uns, Geschichten über uns, Geschichten aus allen Winkeln unseres Kosmos, den Sternenhimmel mit einschließend. Eben poikilos! Ein Säulenwald, selbstverständlich über einer Wiese und im Schutz von Bäumen, dort also, wohin Wunder und Erscheinungen seit Menschengedenken gehören.

Es ist hier zwar der Anlass, doch leider nur wenig Platz, sich ausführlich über den Begriff der Säule auszutauschen. Aber als Du bei unserem letzten Rundgang eine Journalistin auf „tragende“ und „nicht-tragende“ Säulen hingewiesen hast, kam mir der Gedanke, dass dieser Begriff einer tragenden Säule ja vielfältig zu deuten ist. Es geht ja um viel mehr als das Tragen eines Daches, es geht um das Tragen von Botschaften, von Zeugnissen der Kunst, auch von Träumen. Es ist also der wunderbare Glücksfall zu verzeichnen, dass sich in dieser Halle ’nur‘ tragende Säulen versammeln.

Ich will hier nicht in das verfallen, was Schopenhauer einmal „die Trunkenheit der Säulenmetapher“ genannt hat, mir aber doch den Hinweis gestatten, dass die Poesie der zusammengekommenen Plastiken keinen Vergleich mit der Dichtkunst scheuen muss. Nicht mit Rilkes „Säule, die fast ewige Tempel überlebt“, auch nicht mit Hölderlins „Vogel der Nacht, der auf der Säule trauert“.

Und Gottfried Benns Aufforderung „Bespei’ die Säulensucht!“ entlarvt sich angesichts der Schönheit und auch des Witzes dieser Halle erst recht als halbstarker Unsinn.   

Ich habe, lieber Bernd, vor ein paar Zeilen versprochen, später noch kurz auf das Thema „Inszenierung“ zu kommen. Das wollte ich hier einflechten in eine Überlegung von Walter Benjamin über die Reproduktion von Kunstwerken. Dieser Text gehört ja zu einer der testamentarischen Verfügungen unserer Generation. Und was unterliegt stärker dem Verdikt der Reproduzierbarkeit als die Oberflächen von Säulen?

Dann aber fand ich in meiner Arbeitskladde den rätselhaften Hinweis: „Siehe auch Richard Wagner und sein Kunstwerk!“ und landete bei der Forderung des Komponisten: „Das Kunstwerk soll die Unnahbarkeit einer Traumvision haben.“

In diesem Moment dachte ich an Polling, lieber Bernd, an ein großes Kleefeld in der Nähe der Ammer, an einen freien Blick auf den von Dir neu ins Leben gerufenen und jederzeit frei zugänglichen Archetypus ‚Stoa‘ poikilos. Hier in Polling hast Du aus einer Traumvision jenen oben erwähntem, jederzeit begehbaren, und eben nicht unnahbaren Weltatlas gemacht. Um es überspitzt zu sagen: Weniger Wagner war nie. Nicht nur in Polling.

Nahbarkeit hat naturgemäß ihren Preis, den Preis von allen Objekten, die Begehren erwecken. Wer sich ein wenig in der Geschichte von Tempeln und Säulen auskennt, der weiß, dass jenes Dichterwort von den Säulen, die Tempel überleben, auf die gleichsam universale menschliche Lust an blinder Zerstörung erinnert. Dir, lieber Bernd, der Du ja in Deinen Tempelreisen viel weitergekommen bist als Sindbad der Seefahrer, muss man das nicht erklären.

((Leserinnen und Lesern, denen das orientalische Märchen von Sindbad nicht mehr – oder noch nicht – vertraut ist, müsste an dieser Stelle vielleicht erklärt werden, dass in der Silbe ‚Sind‘ eine arabische Anspielung auf den Fluß Indus und auch dessen dortige Tempelkultur steckt. Du bist ja, lieber Bernd, zu unserem Glück noch viel weiter nach Osten gereist, nach Polynesien und weit darüber hinaus, so dass man zu Deinem Titel ‚Säulenheiliger‘ getrost noch den Titel ‚Säulen Sindbad‘ hinzufügen könnte.))

Vandalismus ist in der Weltgeschichte leider weitaus verbreiteter als die Kunst der Säulengestaltung. Dabei ist aber gerade diese Kunst und dieses Kunstwerk hier eine der wenigen nachhaltigen Waffen, die wir gegen den Vandalismus der Hirne und der Hände in der Hand halten. ((Und wenn es ein kleiner Trost und eine große Warnung ist: Alexander der Große, einer der übelsten Vandalen überlebte seine brutale Zerstörung der Tempelstadt Persepolis nur kurz.)) Dagegen hast Du, lieber Bernd, haben die Künstlerinnen und Künstler hier ein Zeichen gesetzt, für das ich Dir jetzt schon im Namen auch aller künftigen Besucher danken darf. 

Kein Brief ohne kurzes Postscriptum:
Im Griechischen steht das Wort ‚xenos‘ gleichermaßen für den Fremden wie für den Gast. Wir sehen in den letzten Wochen nicht nur auf den Inseln in Griechenland, doch besonders grell gerade dort, wie notwendig es ist, diese beiden Begriffe zusammenzudenken. Auch dazu dient der begehbare Weltatlas in Polling.
Und dafür, lieber Bernd, meinen ganz besonderen Dank!

Polling am 13. September 2020