{"id":6928,"date":"2020-10-11T16:45:50","date_gmt":"2020-10-11T14:45:50","guid":{"rendered":"https:\/\/stoa169.com\/?page_id=6928"},"modified":"2021-09-27T14:47:12","modified_gmt":"2021-09-27T12:47:12","slug":"stoa169-durch-saulen-spazierend-gehen-wir-zu-uns-selbst","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stoa169.com\/de\/willkommen-bei-der-stoa169-stiftung\/idee\/stoa169-durch-saulen-spazierend-gehen-wir-zu-uns-selbst\/","title":{"rendered":"STOA169 \u2013 durch S\u00e4ulen spazierend, gehen wir zu uns selbst"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"6928\" class=\"elementor elementor-6928\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-1f03411 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"1f03411\" data-element_type=\"section\" data-e-type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-no\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-e7ef1b8\" data-id=\"e7ef1b8\" data-element_type=\"column\" data-e-type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-dfb9377 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"dfb9377\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<h2>STOA169 \u2013 durch S\u00e4ulen spazierend, gehen wir zu uns selbst\u00a0<\/h2><p>Dr. Bj\u00f6rn Vedder<\/p><p>Unsere Geschichte ist eine Geschichte der Bilder, die wir uns von uns selbst und unserer Welt machen. Das l\u00e4sst sich bis in die H\u00f6hlenmalerei der Steinzeit zur\u00fcckverfolgen, wie sie etwa in der ber\u00fchmten H\u00f6hle von Lascaux zu sehen ist. Die Bilder von Stieren, Hirschen, Gro\u00dfkatzen und Menschen, die unsere Vorfahren zwanzig- oder drei\u00dfigtausend Jahre vor Christi Geburt in den Stein geritzt und darauf gemalt haben, zeigen nicht nur, was es in ihrer Welt gab, sondern auch, wie sie sich selbst im Verh\u00e4ltnis zu ihr gesehen haben. Sie verhandeln das Welt- und das Selbstbild dieser Menschen und f\u00fchren so die beiden grundlegenden Funktionen von Bildern vor: Sie bilden ab, was ist und sie sagen etwas dar\u00fcber aus, wie es ist. Bilder erzeugen Sinn. (1)<br \/>Wie dieser \u00dcberschuss erzeugt wird (durch Stile, Techniken, Materialien und Kontexte), wie sich diese Erzeugung im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert (ob er eher in einer Art religi\u00f6sen Andacht, einer \u00e4sthetischen Kontemplation oder einer besonderen Erfahrung des Dargestellten besteht), ist genauso Gegenstand akademischer Debatten wie die Frage, welchen Anteil an diesem \u00dcberschuss das Bild und welchen der Betrachter hat. Dabei unterscheiden sich diese Debatten nicht nur in den einzelnen Positionen und im Laufe der Zeit, sondern auch im Hinblick auf die verschiedenen Kulturen, vor deren Hintergrund sie gef\u00fchrt werden. (2)<br \/>Umso bemerkenswerter ist die Konstanz des Ph\u00e4nomens. Der Mensch ist offenbar ein Bilder produzierendes Lebewesen. Er hat das Bed\u00fcrfnis, Bilder von sich und seiner Welt zu erzeugen, um diese Welt nicht nur abzubilden, sondern ihr und seinem Leben darin einen Sinn zu geben. Die Produktion von Bildern folgt aus einem Bed\u00fcrfnis der Symbolisierung und zeigt, dass wir Menschen zugleich Sinn- und Sinneswesen sind. Wir erzeugen sinnlich wahrnehmbare Artefakte, um uns darin zu spiegeln. (3)<br \/>Wie notwendig uns diese Selbstbespiegelung im Bild ist, zeigen schon die Versuche, uns ein Bild von unserem eigenen K\u00f6rper zu verschaffen, dessen wir nie ganz ansichtig werden k\u00f6nnen. Wir bekommen allenfalls eine Ahnung von ihm als einem Ganzen, und auch das nur in extremen Situation, etwa dann, wenn wir einen elektrischen Schlag versp\u00fcren, der unseren K\u00f6rper entlang l\u00e4uft, oder wenn wir beim Baden Kopf \u00fcber in kaltes Wasser springen und es beim Eintauchen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck mit unserem K\u00f6rper durchschneiden. Doch bleibt eben auch diese Erfahrung bruchst\u00fcckhaft. Erst in Bildnissen k\u00f6nnen wir unseren K\u00f6rper als Ganzen sehen. (4) Diese Angewiesenheit auf das Bild verst\u00e4rkt sich, wenn wir nicht nur unseren K\u00f6rper wahrnehmen m\u00f6chten, sondern auch unser Verh\u00e4ltnis zur Welt, insbesondere dann, wenn wir in diesem Verh\u00e4ltnis Sinn und Bedeutung suchen. Bildnisse reflektieren diese Sinnsuche. Sie sind der Resonanzboden unserer semantischen Sehns\u00fcchte. <br \/>Das zeigt auch die S\u00e4ulenhalle STOA169 von Bernd Zimmer. Sie versammelt \u00fcber 100 S\u00e4ulen von K\u00fcnstlern aus aller Welt unter einem Dach. Sie zeigt \u2013 um nur ein paar Beispiele zu nennen \u2013 eine S\u00e4ule von Maheatete Huhina aus Polynesien, Lawrence Weiner aus den USA, Fiona Hall aus Tasmanien, Leiko Ikemura aus Japan oder Gregor Hildebrandt aus Deutschland. Es sind Arbeiten aus der Bildhauerei, der Minimal Art, der Fotografie, der Objektkunst oder Malerei. Sie entstammen den verschiedensten kulturellen Kontexten, k\u00fcnstlerischen Traditionen und Stilen (deren Unterschiede sich nicht zuletzt deshalb besonders gut beobachten lassen, weil alle dasselbe Artefakt produzieren: die S\u00e4ule). Sie alle stellen jedoch die Symbolisierung als grundlegende k\u00fcnstlerische Leistung und existenzielles menschliches Bed\u00fcrfnis aus \u2013 und darin liegt ein utopisches Potenzial, ein Prinzip Hoffnung.<br \/>Denn, wenn es diesen sch\u00f6nen und gro\u00dfen \u00dcberschuss, der sich in den Symbolisierungen zeigt, nicht g\u00e4be, k\u00f6nnten wir einpacken. Mit \u201ewir\u201c meine ich all diejenigen, die noch glauben oder hoffen, dass es in unserem Zusammenleben um mehr als um rationale oder effektive Befriedigung materieller Bed\u00fcrfnisse gehen kann, dass ethische oder moralische Fragen in der Ausrichtung unseres Handelns eine Rolle spielen k\u00f6nnen und dass soziales oder kooperatives Verhalten mehr ist als psychologischer Egoismus. <br \/>Dieses utopische Potenzial der Kunst anzusprechen ist heute vielleicht wichtiger denn je, weil die Geldwirtschaft alles Handeln einem o\u0308konomischen Kalku\u0308l unterwirft und dabei alle anderen Symbolsysteme zersetzt, die ein soziales Handeln motivieren ko\u0308nnten, wie etwa eine Religion oder eine Moral. Wir geben unsere eigenen Sachen an einen anderen weiter oder leisten Arbeiten fu\u0308r ihn \u2013 nicht, weil wir uns dazu sozial verpflichtet f\u00fchlten oder in der frommen Gesinnung, dadurch Gottes Willen zu erf\u00fcllen, sondern weil wir dafu\u0308r bezahlt werden. <br \/>Das hat nat\u00fcrlich viele Vor-, aber eben auch Nachteile. Und einer der gr\u00f6\u00dften Nachteile ist vielleicht, dass Sinnfragen zunehmend verdr\u00e4ngt werden, z.B. die, wozu diese Lebensweise eigentlich gut ist. Im Zusammenhang mit der bildenden Kunst tauchen diese Fragen jedoch wieder auf \u2013 und das in besonders starker sinnlicher Pr\u00e4senz. Wir betrachten Kunstwerke nicht nur, um in der Auseinandersetzung mit ihnen Sinnfragen zu verhandeln, sondern sie selbst sprechen diese in uns und damit uns selbst auch an. Was wir sehen, sieht uns an \u2013 und zwar nicht nur in einem rein geistigen Sinne, wie uns etwa ein Text anspricht und uns Fragen stellt oder Fragen, die wie haben, beantwortet, sondern auch in einem leiblichen. (5) Die Wechselbeziehung ber\u00fchrt nicht nur Sinn, sondern auch und zu allererst die Sinne. So f\u00fchren Werke der bildenden Kunst unseren Doppelcharakter als Sinn- und Sinneswesen besonders deutlich vor Augen. <br \/>Das l\u00e4sst sich im Grunde an jedem Objekt der bildenden Kunst erfahren. Die einzelne Erfahrung leidet jedoch unter einem \u00dcbergewicht des Konkreten oder Abstrakten. D.h., dass wir in ihr entweder schon auf eine bestimmte Resonanz der Sinne und des Sinnes verwiesen sind, eine konkrete Symbolisierung, die wir weiterverfolgen. Dabei tritt das Ph\u00e4nomen des Resonierens in den Hintergrund. Oder sie r\u00fccken die Darstellung gegen\u00fcber dem Dargestellten, die Abbildung gegen\u00fcber dem Abgebildeten in den Vordergrund. Dann bleibt unsere Resonanz abstrakt. Mit der Masse der Objekte, wie sie Zimmers STOA169 pr\u00e4sentiert, kommen diese widerstreitenden Bewegungen jedoch zur Balance, denn wir werden beim Gang durch die S\u00e4ulenhalle zun\u00e4chst einmal mit einer gro\u00dfen Anzahl von Symbolisierungen konfrontiert, die wir einzeln nachverfolgen oder mit denen wir flanierend mitschwingen k\u00f6nnen. Die S\u00e4ulen feiern in ihrer Vielzahl den symbolischen \u00dcberschuss der bildenden Kunst und seinen sinnlichen Reiz. <br \/>Damit ist zugleich eine soziale Erfahrung verbunden. Denn, indem wir durch die Halle wandeln, deren S\u00e4ulen uns sinnlich ansprechen und etwas bedeuten, erkennen wir uns als eine oder einen unter anderem, der, die oder das Bedeutung hat. Und diese \u00e4sthetische Erfahrung l\u00e4sst sich leicht ins Soziale \u00fcbertragen. Wir k\u00f6nnen dann merken, dass nicht nur wir selbst jemand sind, f\u00fcr den oder die es Bedeutung gibt, sondern dass auch die anderen Bedeutung haben, d.h. dass auch sie Ziele verfolgen, W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse haben und ihrem Leben Sinn geben wollen, und diese Bedeutung kann f\u00fcr uns nicht irrelevant sein. Wir erfahren uns als einen unter anderen. Diese Perspektive auf uns selbst und die anderen macht eine moralische oder soziale Einstellung allererst m\u00f6glich. (6)<br \/>Fassen wir also zusammen: Bernd Zimmers STOA169 ist ein gro\u00dfe und offene Feier der k\u00fcnstlerischen Symbolisierung unserer semantischen Sehns\u00fcchte. Diese Sehns\u00fcchte zeigen, dass wir Sinn und Sinneswesen sind. Wir sind bestrebt, unserem Leben einen Sinn zu geben, wir suchen ihn in Dingen, in denen wir uns spiegeln. Sie sind der Resonanzboden dieser Sehns\u00fcchte. Resonanzboden hei\u00dft, dass diese Objekte uns ansprechen oder anblicken und wir zur\u00fcckblicken. Die Sinnsuche ereignet sich in einem sinnlichen Wechselspiel, bei dem wir mit anderem mitschwingen. Dieses \u00e4sthetische Mitschwingen mit anderen l\u00e4sst sich leicht auf ein soziales Mitschwingen mit anderen \u00fcbertragen. Wir erkennen uns als eine\/n unter anderen. Diese Perspektive auf uns und auf andere ist die Grundlage f\u00fcr die \u00dcbernahme moralischer oder sozialer Einstellungen. Zwischen den S\u00e4ulen zu wandeln pr\u00e4gt unser Verh\u00e4ltnis zu uns und zu anderen. <br \/>Dass wir uns zu uns selbst, zu anderem und zu anderen verhalten k\u00f6nnen, ist eine der hervorragendsten Qualit\u00e4ten der menschlichen Existenz und unterscheidet uns von den Tieren. Dieses Selbst- und Fremdverh\u00e4ltnis kulminiert in der Sehnsucht, unser Leben nicht in seinen einzelnen Vollz\u00fcgen auseinanderfallen zu lassen, sondern als ein Ganzes zu begreifen und ihm einen Sinn zu geben. Den kann es nur als ein Ganzes haben. So wie die Resonanz mit anderen unsere Perspektive auf uns selbst relativiert, relativiert der Blick auf unser Leben als ein Ganzes den Blick auf seine einzelnen Teilaspekte. Wir erkennen uns als einen unter anderen und die Teilsysteme, wie z. B. die \u00d6konomie, als eines unter anderen. Und so, wie uns der relativierte Blick auf uns n\u00f6tigt, das, was f\u00fcr uns Bedeutung hat (unsere W\u00fcnsche, Ziele und Sehns\u00fcchte) zu dem, was f\u00fcr die anderen Bedeutung hat, in Beziehung zu setzen, n\u00f6tigt uns der relativierende Blick auf unser Leben seine Teile zueinander in Beziehung zu setzen \u2013 und zwar im Hinblick darauf, inwieweit sie zum Gelingen des Ganzen beitragen. Wenn wir durch die S\u00e4ulenhalle spazieren, gehen wir also zu uns selbst.<\/p><p>_____<\/p><p>(1) Lambert Wiesing, Artifizielle Pr\u00e4senz. Studien zur Philosophie des Bildes, Frankfurt\/Main 2006. Gottfried Boehm, Wie Bilder Sinn Erzeugen. Die Macht des Zeigens, Berlin 2008.<\/p><p>(2) Hans Robert Jau\u00df, \u201e\u00dcber religi\u00f6se und \u00e4sthetische Erfahrung \u2013 zur Debatte um Hans Belting und George Steiner\u201c, in: Ders., Wege des Verstehens, M\u00fcnchen 1994, 346-377, hier: S. 356.<\/p><p>(3) Vgl. dazu Hartmut Boehme, Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 366.\u00a0<\/p><p>(4) Hans Blumenberg, Beschreibung des Menschen, aus dem Nachlass hg. v. Manfred Sommer, Frankfurt am Main 2014, S. 827.<\/p><p>(5) George-Didi Huberman, Vor einem Bild, \u00fcbers. v. Reinold Werner, M\u00fcnchen 2000. Ders., Was wir sehen, blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes, \u00fcbers. v. Markus Sedlaczek, M\u00fcnchen 1999.\u00a0<\/p><p>(6) George-Didi Huberman, Vor einem Bild, \u00fcbers. v. Reinold Werner, M\u00fcnchen 2000. Ders., Was wir sehen, blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes, \u00fcbers. v. Markus Sedlaczek, M\u00fcnchen 1999.\u00a0<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>STOA169 \u2013 durch S\u00e4ulen spazierend, gehen wir zu uns selbst\u00a0 Dr. Bj\u00f6rn Vedder Unsere Geschichte ist eine Geschichte der Bilder, die wir uns von uns selbst und unserer Welt machen. Das l\u00e4sst sich bis in die H\u00f6hlenmalerei der Steinzeit zur\u00fcckverfolgen, wie sie etwa in der ber\u00fchmten H\u00f6hle von Lascaux zu sehen ist. 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