{"id":321,"date":"2019-07-25T16:43:08","date_gmt":"2019-07-25T14:43:08","guid":{"rendered":"https:\/\/stoa169.com\/?page_id=321"},"modified":"2019-08-09T10:11:38","modified_gmt":"2019-08-09T08:11:38","slug":"der-offene-raum","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stoa169.com\/de\/willkommen-bei-der-stoa169-stiftung\/idee\/der-offene-raum\/","title":{"rendered":"Der offene Raum"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"321\" class=\"elementor elementor-321\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-20da113 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"20da113\" data-element_type=\"section\" data-e-type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-no\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-5e7fb10\" data-id=\"5e7fb10\" data-element_type=\"column\" data-e-type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-c3723b7 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"c3723b7\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<h2>Der offene Raum<\/h2><p>Walter Grasskamp<\/p><p>Die Akademie, die Platon im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gr\u00fcndete, ist weder nach einem Geb\u00e4ude benannt worden noch nach einem Lehrprogramm. Die Namensstifterin vieler Bildungsinstitute der Neuzeit, die prunkvolle Gem\u00e4uer bezogen, war ein Baumgarten, oder, wie es in der Rhetorik klassischer Bildung bis heute hei\u00dft, ein Hain. Der lag au\u00dferhalb der Stadtmauer Athens und war zuvor einem Heros namens Akademos geweiht gewesen, dessen Name sich vom Grundst\u00fcck auf die Philosophenrunde <br \/>\u00fcbertrug. \u2028Ma\u00dfgebend f\u00fcr die philosophische Rhetorik des Abendlandes wie auch der arabischen Mittelmeerkulturen (wo das antike Wissen die rabiate Zensur des fr\u00fchen christlichen Mittelalters \u00fcberlebte, fanden die platonischen Gespr\u00e4che im Schatten von B\u00e4umen statt, als habe erst die Stadtferne jene klaren Gedanken erm\u00f6glicht, die \u00fcber die \u00dcblichkeiten des urbanen Lebens hinauszuf\u00fchren vermochten.\u2028Vielleicht spielte f\u00fcr die Ortsentscheidung auch die Vorsicht gegen\u00fcber der Stadtbev\u00f6lkerung eine Rolle, deren Misstrauen und Ablehnung Platons Lehrer Sokrates ein Jahrzehnt zuvor das Leben gekostet hatte. Bevor Platon auf dem Gel\u00e4nde ein Geb\u00e4ude errichtete, war der Probelauf des freien Denkens die Angelegenheit eines baumbestandenen Vorstadtgrundst\u00fcckes. <br \/>Dagegen soll die Schule von Platons Nachfolger Aristoteles, die Peripatetiker, ihren Namen nach der s\u00e4ulengest\u00fctzten \u201eWandelhalle\u201c (Peripatos) erhalten haben, in der sie sich trafen; einer anderen \u00dcberlieferung zufolge geht er auf ihr \u201eUmherwandeln\u201c beim Gespr\u00e4ch zur\u00fcck. Die Peripatetiker waren nicht die einzigen, die nach einem Geb\u00e4udetyp benannt wurden, denn auch die um Zenon gruppierten Stoiker verdankten ihren Markennamen dem Ort ihrer Gespr\u00e4che, der Stoa. Dabei handelt es sich um einen S\u00e4ulengang, wie er in der griechischen Antike den \u00f6ffentlichen Raum so gestaltete, dass man sich au\u00dferhalb der Sonnenstrahlen frei bewegen und begegnen konnte; in diesem Fall lag er direkt am Marktplatz Athens mitten in der Stadt. Die Treffpunkte der Peripatetiker und Stoiker artikulierten sich architektonisch ma\u00dfgeblich \u00fcber die S\u00e4ulen \u2013 diese trugen die Decke als Sonnen\u00ad und Regenschutz und sorgten zugleich f\u00fcr die Offenheit der Hallen und G\u00e4nge und damit f\u00fcr ein g\u00fcnstiges Klima der Begegnung. Wie die S\u00e4ulen den Raum \u00f6ffneten, so \u00f6ffneten die hinter ihnen gef\u00fchrten Gespr\u00e4che sich in die Freiheit zunehmend voraussetzungsloser Er\u00f6rterungen. Wenn man diese S\u00e4ulenhallen im modernen Sinn f\u00fcr einen \u00f6ffentlichen Raum h\u00e4lt, muss man freilich in Rechnung stellen, dass ihre kommunikative Nutzung auf freie M\u00e4nner beschr\u00e4nkt war und Frauen sowie Sklaven vorenthalten blieb. Nur der gro\u00dfe Athener Garten Epikurs soll darin eine Ausnahme gebildet haben.<\/p><p>In den sp\u00e4teren R\u00fcckgriffen des Klassizismus wurde die S\u00e4ule nicht nur als Lastentr\u00e4ger, sondern auch als Bedeutungstr\u00e4ger zitiert, womit eher selten die gleichzeitige Offenheit von Geb\u00e4ude und Gedanke gemeint war, sondern andere Eigenheiten der Antike. S\u00e4ulen trugen schlie\u00dflich auch den Portikus mancher Villa des 18. Jahrhunderts, deren Bewohner ihren Reichtum dem Handel mit Sklaven verdankten, wie es sie auch in der Antike gegeben hatte. Zumal das \u201eGreek Revival\u201c der jungen USA monumentalisierte die S\u00e4ule als Element eines wei\u00dfen Klassizismus, der auch eine politische Farbenlehre war. Im Klassizismus lebte nicht stets das philosophische Erbe der Antike weiter, sondern oft eines der Gewaltverherrlichung und Ungleichheit. Kaum ein K\u00fcnstler der Moderne hat die Ambivalenz dieser R\u00fcckgriffe so zum Thema seines Werkes gemacht wie Ian Hamilton Finlay (1925\u00ad2006). Zwischen dem Freiheitsversprechen der Franz\u00f6sischen Revolution von 1789 und dem Terror der Nationalsozialisten nach 1933 hat er die Traditionen einer Architektursprache aufgegriffen, in der die S\u00e4ule eine in verschiedenen Hinsichten tragende Rolle spielte (wobei ihn besonders die Phase des terreur der Franz\u00f6sischen Revolution faszinierte).<\/p><p>Finlay praktizierte seine in Bildhauerei, Grafik und Literatur umgem\u00fcnzte Reflexion nicht in der Stadt, sondern auf dem Land. Sein abgelegenes Grundst\u00fcck in Schottland war ein Territorium der Souver\u00e4nit\u00e4t, das sich zeitweilig als Little Sparta gegen den Rest der Welt wappnete.<\/p><p>An der Grenze seines Grundst\u00fccks befand sich zeitweilig eine freistehende S\u00e4ule, deren Sockel die Aufschrift trug The World Has Been Empty Since The Romans, womit Finlay die Bedeutung der Tradition relativierte, in der er selber stand, die des Klassizismus. Als Symbol, Texttr\u00e4ger und Skulptur stand die S\u00e4ule f\u00fcr eine Einheit von philosophischer Reflexion, literarischer Schrift und k\u00fcnstlerischer Form. Sie war typisch f\u00fcr das Werk Finlays, der einen Gedanken nicht nur als Text und Buch zu medialisieren suchte, sondern vor allem als Ortsbesetzung. Mit Finlay kann man die S\u00e4ule gegen die musealen Versteinerungen des Klassizismus auch als Emblem einer lebendigen Tradition betrachten, die sich weniger auf die architektonische Raumordnung von Rhythmus, Offenheit und Eleganz bezieht, sondern auf die Freiheit des Gedankens. Seine S\u00e4ule artikulierte zugleich eine Ortsgebundenheit des Denkens, wie sie sich nicht nur in den namensstiftenden Geb\u00e4uden der antiken Philosophenschulen niederschlug, sondern auch in Friedrich Nietzsches Misstrauen gegen\u00fcber jedem Gedanken \u201eder nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung\u201c (womit dieser freilich nicht das Umherwandeln der Peripatetiker meinte, sondern seine eigenen Wanderungen in der Bergwelt des Engadin).\u2028 Anders als die griechischen Philosophen bevorzugte auch Finlay die offene Landschaft, die er mit seiner Sammlung philosophischer Anmerkungen und klassizistischer Erinnerungen besetzte \u2013 die Einheit von Terrain und Gedanke wurde ihm zum Inbegriff territorialer Souver\u00e4nit\u00e4t und unabh\u00e4ngigen Denkens zugleich.<\/p><p>In Bernd Zimmers Projekt STOA169 ist die S\u00e4ule nat\u00fcrlich weder als architektonischer Lastentr\u00e4ger gemeint noch als Zeichen der Macht. Vielmehr ist sie ein Bedeutungstr\u00e4ger, allerdings nicht im Sinne einer individuellen Codierung. Vielmehr geht es um ein Projekt, das K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler aus aller Welt zusammenf\u00fchren soll, um durch die Versammlung ihrer statischen Stellvertreter einen gemeinsamen Gedanken zu artikulieren, den des Friedens als Ergebnis einer Begegnung von Menschen in Freiheit und Gleichheit.\u2028 Es geht daher weniger um einen klassizistischen Bezug auf die S\u00e4ulenhalle als der antiken B\u00fchnengestalt des freien Diskurses, sondern um ein politisches Kunstwerk, das schon in seiner Form die Synthese aus vielen Entw\u00fcrfen als Gemeinsamkeit hervorbringen soll. Kann die zeitgen\u00f6ssische Kunst sich noch zu etwas anderem zusammenfinden als zu den fl\u00fcchtigen Nachbarschaften der Biennalen oder zu den Kojenlandschaften der Kunstmessen, zu den B\u00f6rsensynthesen des Marktes? Bei Bernd Zimmers Projekt STOA169 geht es um eine Utopie der Kunst, die einen Ort besitzt, wo sie Form annehmen kann. \u00a0<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der offene Raum Walter Grasskamp Die Akademie, die Platon im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gr\u00fcndete, ist weder nach einem Geb\u00e4ude benannt worden noch nach einem Lehrprogramm. Die Namensstifterin vieler Bildungsinstitute der Neuzeit, die prunkvolle Gem\u00e4uer bezogen, war ein Baumgarten, oder, wie es in der Rhetorik klassischer Bildung bis heute hei\u00dft, ein Hain. 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